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Liebe Freunde,
nun war es also mal wieder soweit – nach 1 Jahr, 7 Monaten und 11 Tagen ging es endlich mal wieder los. Nein, kein Afrika diesmal, sondern Indien. Auch nichts wirklich neues, auch da bin ich inzwischen Wiederholungstäterin… Immerhin das 7. Mal.
Vorgenommen habe ich mir den Norden, genauer gesagt von Delhi nach Kalkutta. In Teilen ist das die Strecke meiner allerersten Indienreise. Damals, vor 16 Jahren, hatte ich mit geschworen, nie mehr nach Indien zu fahren. Ein Meineid, zweifelsohne. 11 Jahre habe ich durchgehalten, irgendwann haben mich dann allerdings meine eigenen Reisebürokunden überzeugt, es noch einmal zu versuchen. Das war Südindien – und es war einfach toll, so toll, dass ich noch 5 mal in dieses Riesenland gefahren bin. Nach Südindien die unbekannte Mitte, dann Kerala, anschliessend Rajasthan, später Uttaranchal – und jetzt eben das damals so verhasste Stück mit Varanasi.
Muss jetzt doch mal nachsehen, ob's wirklich so schlimm ist in Varanasi….
Also ging es am 13.12. los via Dubai. Die 9 Stunden Aufenthalt in Dubai waren gar nicht so unpraktisch - immerhin lang genug, um mit der tollen neuen Metro in die Stadt zu fahren… Und in Dubai ist's noch keinem langweilig geworden….
Dann nochmal knapp drei Stunden im Flieger, und schon war ich in Indien. In weiser Voraussicht hatte ich ein Hotel vorgebucht, mit Transfer. Und kam es so, wie es kommen musste – natürlich hat niemand mit einem Schild mit meinem Namen drauf am Airport gewartet… Also schnappte ich mir den nächstbesten intelligent aussehenden Menschen. Interessanterweise ein Angestellter eines grossen Hotels in Delhi, der selbst Kunden abgeholt hat. Der hat dann im Ivory Palace angerufen. Die mussten erst mal nach der Buchung suchen - kein wirklich beruhigendes Gefühl… Buchung war da, Transfer nicht. Na toll, das ganze fing ja schon gut an… Also gut, ab ins nächstbeste Taxi mit radebrechendem Fahrer, der sich im Stadtteil Karol Bagh anscheinend nicht wirklich gut auskannte… Aber irgendwann haben wir das Ivory Palace Hotel dann gefunden – immerhin ist es knallrot angemalt und eigentlich nicht zu übersehen – wenn man zumindest in etwa weiss, wo es ist…
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Eine Schönheit ist das Ivory Palace Hotel nicht gerade, aber für Delhi-Verhältnisse angemessen und halbwegs sauber. Laut ist es in Delhi überall und lasches Personal gibt's auch in so gut wie allen Hotels. Also insofern ein guter Start einer Indienreise. Sozusagen Welcome back to good old India!
Obwohl ich bereits zum vierten Mal in Delhi war, kann ich diesen Moloch nach wie vor nicht leiden. Zu viele Menschen, überall Müll, das absolute Chaos auf der Strasse, ein ruhiges Hotelzimmer ist der Traum aller schlaflosen Touristen in dieser Stadt. Dazu kommen unmögliche Rikschafahrer, verlogene Geschäftsbesitzer, und Menschen, die einen gerne mal in die falsche Richtung schicken…. Und das kann in Delhi einen weiten Umweg bedeuten…
Aber gut, wenn man's weiß, kann man sich drauf einstellen.
Delhis Sehenswürdigkeiten sind über die ganze Stadt verteilt und so gab's auch beim vierten Besuch noch einiges zum anschauen – zum einen das India Gate, das zum Gedenken an die gefallenen indischen Soldaten des ersten Weltkriegs gebaut wurde, das Regierungsviertel und die Stelle, an der Ghandi niedergeschossen wurde. Hier steht nun ein sehr gut gemachtes Museum.
Ziemlich weit ausserhalb, aber absolut sehenswert ist der Bahaitempel. Er hat die Form einer Lotosblüte. Anscheinend war an diesem Tag das Pendant zu unserem Schulwandertag in Deutschland – gefühlt die Hälfte aller Schüler von ganz Delhi waren zeitgleich am gleichen Tempel wie ich…. Und alle wollten natürlich wissen, wo ich herkomme, wie ich heisse, dann so superspannende Dinge wie z. B der Name meines Vater und dann noch, wie mir Indien gefällt….
Ein Tag Delhi ist mehr als genug und so war ich richtig froh, dem Irrsinn durch eine 5 1/2 Stunden lange Zugfahrt zu entkommen. Mein nächstes Ziel war Orchha – mit nur 8000 Einwohnern gerade das richtige! Ausserdem ein tolles Fort, jede Menge Tempel, Grabmäler und nette Einheimische! Richtig schön erholsam – mit einem Hotel mit tollem Blick auf das Fort direkt vom Bett aus – besser geht's nicht!
Nach drei Tagen in Orchha ging's mit einem sehr langsamen Zug weiter nach Khajuraho. Im Winter hat es in Nordindien sehr viel Nebel und da müssen die Züge langsamer fahren. Das macht auch Sinn – immerhin stehen doch immer wieder mal unbeleuchtete Objekte auf den Schienen, Kühe zum Beispiel. Oder abgestellte Karren. Oder auch der eine oder andere unachtsame Mensch.
Kann dumm ausgehen, wenn der Lokführer das zu spät sieht. Dann lieber langsamer fahren…
In Khajuraho war ich schon einmal – vor 16 Jahren. Damals war das ein kleines Dorf, es gab eine Handvoll rustikaler Unterkünfte, 2 oder 3 Restaurants und ein kleines Radreparaturgeschäft, in dem man auch Fahrräder ausleihen konnte. Tja, heute sieht das Ganze etwas anders aus – Unterkünfte aller Kategorien von 2 Euro bis 300. Restaurant im Baumhaus? Warum nicht, wir sind in Khajuraho. Und von wegen ein Radlgeschäft – die gibt's jetzt an jeder Ecke. Und ansonsten jede Menge Souvenirläden mit allem möglichen Krimskrams.
Gleich geblieben sind die tollen Tempel von Khajuraho mit jeder Menge erotischer Skulpturen. Bei jedem Mal Hinschauen sieht man etwas anderes… Fast schon artistisch anmutende Stellungen, ein schamhaft wegschauender Elefant oder eine Frau im nassen Sari.
Natürlich ist man heutzutage bei solch einem Weltkulturerbe nicht alleine, aber die Anlage ist so weitläufig, dass das nicht wirklich stört.
Neben der westlichen Tempelgruppe, für die man Eintritt bezahlen muss, gibt's noch jede Menge andere Tempel, die man am besten mit dem Fahrrad erreicht. Vorbei an grünen Feldern und durch kleine Dörfer. So macht Indien Spass!
Zumal auch mein Hotel gut war – sauber, heisse Duschen, Dachterrasse, nette Mitarbeiter und freundlicher Manager. Was will man mehr?
Als nächstes geht es dann weiter in einen sehr kleinen Ort namens Chitrakut. Aber davon mehr in der nächsten mail.
Ich hoffe, Ihr hattet ein schönes Weihnachtsfest. Mangels Strom (in Chitrakut ) konnte ich diese email nicht mehr vor Weihnachten rausschicken!
Viele Grüße aus Indien
Andy
Sonntag, 1. Januar 2012
Liebe Freunde und Reisefans,
von Khajuraho in Madhya Pradesh aus ist es nach wie vor schwierig, nach Uttar Pradesh zu kommen (das ist der angrenzende Bundesstaat). Man kann entweder zu absolut grusligen Zeiten mit dem Zug fahren, der zudem immer Verspätung hat (wie gesagt, der böse Nebel!), man kann den Direktbus nehmen, der aber 20 km vor Chitrakut endet oder man nimmt die alte Rumpelpiste nach Satna, die in noch schlechterem Zustand als vor 16 Jahren ist, und dort muss man dann umsteigen nach Allahabad. Alles miteinander nicht toll. Ich hab die Rüttelpiste gewählt, weil ich schon mal nicht nachts um 04.00 Uhr in Chitrakut ankommen wollte (das wäre der Zug gewesen). In Satna war sofort ein Bus da, mit dem ich weiterfahren konnte – zwar sehr voll, aber dafür ohne Wartezeit. Man kann halt nicht alles haben. Immerhin ein Sitzplatz auf der Abdeckhaube des Motors (der ist bei indischen Bussen innen drin), ein schöner warmer Platz….
Chitrakut ist ein sehr kleiner Ort, der aber für Hindus eine große Bedeutung hat. Hier hielt sich Gott Rama während seines Exils 11 Jahre auf. Es gibt ein paar Ghats (Badeplaetze) direkt am Fluss. Der zweite Tag dort fiel zufällig auf einen Neumond und das ist für Hindus ein besonderer Tag für eine Pilgerreise, z.B. nach Chitrakut. Normalerweise ist das hier ein eher kleiner Ort mit wenig Besuchern, aber an diesem Tag war gut was los. Ein Eldorado für jeden Fotografen, zumal die Menschen auch nichts dagegen hatten, wenn man vorher anständig fragt. Es war einfach toll, die Menschen bei ihren rituellen Handlungen zu beobachten und diejenigen, die englisch konnten, haben gerne erklärt, um was es bei den einzelnen Ritualen geht.
Meine Unterkunft war direkt an den Ghats und hatte eine riesige Terrasse. Leider liegt das Hotel in dem Viertel, in dem am öftesten der Strom ausgefallen ist…. Grundsätzlich tagsüber von 07.30 bis 17.00 Uhr, meist auch nach 21.00 Uhr. Na ja, dann geht man halt ins Bett. Versäumen tut man da eh nichts mehr um diese Zeit… Wichtig war, zwischen 17.00 Uhr und 18.00 Uhr am Hotel zu sein – da gab's immer Strom und somit die Möglichkeit, einen Eimer heißes Wasser zu bekommen….
Am dritten Tag habe ich einen Ausflug zu einem heiligen Berg etwas außerhalb der Stadt unternommen. Am Kamadgiri Berg wird ebenfalls Rama verehrt. Ein Rundweg auf halber Höhe führt um den Berg herum. Die fünf Kilometer muss man barfuß zurücklegen, weil der Berg eben so heilig ist…. Nicht so lustig. Hier gibts nämlich viele Affen, Kühe und Ziegen samt ihrer Hinterlassenschaften. Man muss also aufpassen, wohin man tritt…. Außerdem kann man manchmal auf extrem rauhe Steine treffen, oder glitschige, weil jemand seine Kuh, sein Motorrad oder den Boden vor seinem Geschäft gewaschen hat. Um den Berg herum leben viele Bettler, Wanderprediger und heilige Männer (Sadhus). Hier wird nicht exzessiv gebettelt wie an anderen Orten, sondern die Menschen erhalten 1 oder 2 Rupien von den Pilgern. (66 Rupien sind ein Euro). Hier ist auch Fotografieren kein Problem – wo kriegt man schon für 2 Rupien ein Foto von einem freundlichen Sadhu? In Varanasi sind sie eher unfreundlich und wollen dann 100 Rupien….
Abends dann noch ein netter Trip mit dem Boot, etwa zwei Kilometer den Fluss hinauf zum Glastempel. Dieser Tempel samt zweier Universitäten sowie einem Museum wurde von einem blinden Guru ins Leben gerufen. Die eine ist eine ganz normale Uni, die andere speziell für Behinderte. Und beim Museum wie auch beim Tempel geht's wieder speziell um den Gott Rama.
Mein nächstes Ziel war Allahabad. Mit dem Bus waren wir in fünf Stunden da. In Allahabad findet alle zwölf Jahre die Kumbh Mela statt – ein religiöses Massenereignis, bei dem mehr als 100 Millionen Menschen gleichzeitig am Zusammenfluss von Yamuna, Ganges und dem mystischen Saraswati ein Bad nehmen. Alle sechs Jahre findet eine kleinere Mela statt, da kommen dann nur 70 Millionen Gläubige. Und jedes Jahr im Januar die "normale" jährliche Mela.
Man sollte also meinen, dass es sich bei Allahabad um einen sehr heiligen Ort handelt, zumindest um den Fluss herum…
Der erste Tag in Allahabad war einer von denen, an denen man am besten erst gar nicht aufgestanden wäre… Angefangen hat alles am Bahnhof. Hier wollte ich mich nur nach Zügen nach Varanasi erkundigen. Der zuständige Schalter war nicht besetzt, zumindest nicht von einem Menschen. Statt dessen saß mitten auf dem Tisch eine riesige Maus (Ratte?). Ich schaute also rein, diese Vieh raus… Nach ein paar Minuten kam die zuständige Dame, fegte die Maus vom Tisch und sagte nur "No train to Varanasi". Natürlich blanker Unsinn, es gibt jeden Tag 10 oder mehr Züge nach Varanasi. Halt wieder mal jemand mit Null Bock auf irgendwas und schon gleich gar nicht auf lästige Touristen, die bloß depperte Fragen stellen. Leider ist Allahabad nicht sehr auf Touristen eingestellt und die Anzeigetafeln sind alle nur auf Hindi…
Aber immerhin gibt es auch hilfsbereite Menschen, die einem das übersetzen. Jedenfalls stellte sich heraus, dass die Züge alle derart verspätet sind, so dass der Bus die bessere Alternative war….
Während dieser ganzen Aktion habe ich festgestellt, dass mein Handy nicht mehr funktioniert. Langer Rede kurzer Sinn – in Indien ist es Ausländern nicht erlaubt, indische Simcards zu kaufen. Warum das so ist, konnte mir noch niemand erklären…. Wie auch immer, wenn die Telefongesellschaft feststellt, dass ein Ausländer eine solche Karte hat, kappt sie kurzerhand die Verbindung. Na toll, also musste eine neue Simcard her… Die Inder lieben Papierkram und deswegen dauert so was gerne mal 2,5 Stunden… Immerhin war ich im richtigen Shop mit netten Angestellten und einem Chef, der sich angestrengt um meinen Fall kümmerte. Auch später, wenn ich in der Nähe des Ladens war, habe ich immer auf einen Sprung dort rein geschaut.
Aber der miese Tag war noch nicht zu Ende. Mittags habe ich mich dann auf den Weg zum Sangam gemacht, eben dem Zusammenfluss der zwei realen Flüsse Ganges und Yamuna und dem mystischen Fluss Saraswati. Ich hatte irgendwas spirituelles und angenehmes erwartet. Tja, Erwartungen sollte man in Indien nicht zu hoch schrauben. Zum einen war am Sangam die absolute Baustelle. Es wurde gerade alles hergerichtet für die jährliche Mela im Januar. Alles war voller Staub. Dann gab es viele kleine Geschäfte – und die Verkäufer waren absolut lästige Zeitgenossen. Dann jede Menge Bettler, die einen gerne am Ärmel oder am Hosenbein zupfen, und nach dem hundertsten Mal fährt auch der freundlichste Indientourist irgendwann aus der Haut.
Natürlich gab's auch jede Menge Boote, mit denen man sich direkt an den Zusammenfluss der beiden Gigantenströme rudern lassen kann. Ein Irrtum, wer nun meint, dass man so dem Irrsinn entfliehen kann. Da geht's nämlich munter weiter – Priester veranstalten auf fest vertäuten Booten Pujas (Zeremonien), für die sie dann ein Heidengeld wollen.
In der Nähe des Sangam gibt es einen unterirdischen Tempel. Also dorthin – der Tempel war toll, mit jede Menge Gottheiten drin, leider auch an jeder Statue irgendwelche Priester, die Donations wollten.
Es blieb nichts anderes übrig, dem Irrsinn konnte man nur entfliehen, indem man Sangam insgesamt einfach links liegen lässt und woanders hingeht. Auf dem Weg zurück zur Straße bedrängte mich ein Motorradfahrer derart von rechts, dass ich schnell nach links ausweichen musste… Tja, und das schätzte der dicke Wasserbüffel zu meiner Linken nicht… Der haute mir prompt mit dem Horn auf den Arm – Resultat: ein 10 Zentimeter langer blauer Fleck, der höllisch weh tut.
Was für ein Tag. Bleibt nur noch ins Bett gehen und sich ja nicht mehr auf die Straße wagen….
Zur Ehrenrettung von Allahabad muss ich doch noch anmerken, dass der zweite Tag gleich viel besser war. Zuerst habe ich das Haus der Familie Nehru besucht. Das ist jetzt ein gut gemachtes Museum in einem netten kleinen Park. Ausgestellt sind Fotos, Möbel, Bücher und persönliche Gegenstände der Nehru-Familie, z.B ihr erster elektrischer Toaster ..
Noch größer ist das Allahabad-Museum. Hier gibt es alles von Töpferwaren aus vorchristlicher Zeit über Skulturen aus verschiedensten Epochen bis hin zu ausgestopften Tieren, Miniaturmalereien und modernen Gemälden (die sind allerdings etwas gewöhnungsbedürftig). Ganz am anderen Ende der Stadt, dafür aber nahe bei meinem Hotel, sind die Mogulgräber. Insgesamt vier Stück, die alle unterschiedlich aussehen , in einem grossen Park. Na also, geht doch, auch in Allahabad kann man Sachen anschauen, ohne dass man ständig das Gefühl hat, alle Inder sofort an die Wand pappen zu müssen…
Noch ein Wort zu meinem Hotel in Allahabad – ein extrem altes tattriges Gebäude mit elektrischen Leitungen, dass es sogar mir als Laien ganz anders wurde. Früher waren das die Kamelställe. Während der Kolonialzeit wurde ein indischer Adeliger von den Engländern nicht ins mondäne englische Hotel gelassen, also hat er sich selbst eines gebaut.
Und offensichtlich wurde seitdem an diesem Gebäude nicht mehr allzu viel verändert…
Nun also Varanasi – die Stadt, die ich vor 16 Jahren so unmöglich fand. Varanasi ist für Hindus die wichtigste und heiligste Stadt der ganzen Welt. Wer hier stirbt, verbrannt wird und dessen Asche in den Ganges gestreut wird, der ist von dem Kreislauf der Wiedergeburten erlöst. So, also ist eigentlich logisch, was hier los ist: in Varanasi sitzt das geballte Elend auf der Strasse und wartet auf den Tod. Alle Kranken, Behinderten, Alten, und natürlich jede Menge andere kommen hierher und warten. Solange sie noch nicht tot sind, müssen sie sich irgendwie ernähren – deswegen gibt's hier auch so viele Bettler. Vor 16 Jahren war Varanasi für mich der absolute Horror. Jetzt, nach vier Tagen hier, kann ich sagen – so schlimm ist es nicht (mehr).
Es gibt mehrere Gründe, warum ich das jetzt anders empfinde:
Vor 16 Jahren war ich im sehr heißen April in Varanasi. Dezember ist die kühle Jahreszeit. Da hat man weniger Probleme mit der Elektrizität und durch den Wind riecht man auch die Scheiterhaufen mit den brennenden Leichen nicht so sehr. (allein am großen Verbrennungsghat werden täglich 200 Leichen verbrannt).
Ich bin zwar im gleichen Hotel wie vor 16 Jahren, aber die Zimmer sind jetzt deutlich besser.
Außerdem wurde ich vor ein paar Jahren in Indien upgegraded von Miss zur Mam – das macht in Indien sehr viel aus. Respekt gegenüber Älteren. Und wenn der von Jüngeren nicht kommt, kann man den durchaus einfordern (behandelst du deine Mutter auch so wie mich jetzt?)
Also, wie gesagt, Varanasi ist nicht ohne, aber es ist eine sehr spannende Stadt, in der man sehr viel erleben kann. Heute allerdings nicht – es regnet wie aus Kübeln. Eigentlich nicht typisch für diese Jahreszeit, die zwar kalt, aber normalerweise trocken ist..
Silvester habe ich in einem anderen Hotel verbracht, der Manager hat mich dorthin eingeladen. Es gab traditionelle indische Musik mit Sitar und Tabla und dann traditionellen Tanz. Um Mitternacht dann wie bei uns auch, jede Menge Raketen und Knaller.
Das ist doch das richtige Schlusswort – ich wünsche Euch allen, wenn auch etwas verspätet, ein gutes neues 2012!
Viele Grüße aus Indien
Andy
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Dienstag, 10. Januar 2012
Liebe Freunde,
irgendwie lässt mich Varanasi dieses Mal nicht los. Macht nichts, ich habe diese Reise so geplant, dass ich viel Zeit an den einzelnen Orten habe. Varanasi hat derart unterschiedliche Gesichter, je nachdem, in welcher Gegend man sich befindet, dass es absolut unproblematisch ist, hier eine Woche zu verbringen. Langweilig wirds mir hier nicht so schnell.
Da ist die Altstadt mit dem goldenen Tempel, dem wichtigsten Tempel in ganz Varanasi. Hier stehen die Menschen an manchen Tagen, die wohl als besonders wichtig gelten, mehrere hundert Meter Schlange, um irgendwann, nach ein paar Stunden, endlich rein zu kommen. Um den Tempel herum sehr viele Soldaten, man hat hier Angst vor extremistischen Anschlägen (vor allem durch Pakistanis).
Dann gibt's hier die ganzen Läden mit Opfergaben, z.B. Blumen. Überall Geschäfte, in denen man Götterfiguren und Schmuck kaufen kann. Dazwischen Teestuben, durch die Gassen trottende Kühe und herumturnende Affen. Eines gibts in der Altstadt nicht – Autorikschas. Dafür sind die Gassen zu eng. Kommt einem eine Kuh entgegen oder ein Motorrad, bleibt oftmals nichts anderes übrig, als in einen Laden zu gehen…
Dann gibt es die Ghats, die Badestellen. Diese Ghats ziehen sich über etwa 4 Kilometer hin. Im Norden, angrenzend an die Altstadt, ist der wichtigste Verbrennungsghat, der Marnikarninka-Ghat. Hier werden jeden Tag 200 Leichen verbrannt. Die Leichen werden natürlich vorher auf einer Bahre, begleitet von Ram-Rufen durch die engen Gassen getragen. Auch denen sollte man tunlichst aus dem Weg gehen.
Mein erstes Hotel war nur etwa 200 Meter vom Verbrennungsghat entfernt, trotzdem hat man dank des Windes nichts gerochen… Noch nicht mal vom Balkon aus.
Weiter südlich liegt der Hauptghat. Hier findet jeden Abend ein Aarti statt, eine Zeremonie zur Anbetung des Flusses Ganges. Fünf Männer gestalten das Aarti. Sie stehen auf Podesten, schwenken Feuer, werfen Blumen in den Fluss und blasen Muscheln. Sowohl von Land als auch vom Boot aus einfach toll!!!
Am meisten zu sehen gibt es an den Ghats. Hier baden die Menschen und putzen ihre Zähne direkt neben den Verbrennungsstätten. Hin und wieder schwimmt eine tote Kuh vorbei. Wäsche wird gewaschen, Kühe trotten zwischen den brennenden Holzstößen herum, Hunde sitzen erwartungsvoll da (will gar nicht wissen, auf was sie warten).
Natürlich zieht Varanasi, die heiligste Stadt der Hindus, auch viele Sadhus an. Das sind heilige Männer, die ohne Hab und Gut durch Indien ziehen. Oftmals sehr weise Menschen, aber heilig sind gewiss nicht alle…. Dann natürlich die ganzen Pilger, die einmal im Leben hierher kommen, um sich rein zu waschen – so verschmutzt der Ganges auch ist, in den Augen eines Hindu kann der Fluss alles reinigen…
Inzwischen bin ich in eine ruhigere Gegend umgezogen, in den südlichen Teil. Hier geht es eher gemütlich zu an den Ghats . Wasserbüffel werden gebadet, Menschen ruhen sich aus oder meditieren am heiligen Fluss.
Natürlich ist hier auch für die Reisenden gesorgt – es gibt unzählige Hotels jeder Preisklasse. Die preiswertesten Zimmer beginnen bei 3 Euro, das teuerste liegt bei ca 400 Euro, immerhin fürs Zimmer, nicht pro Person. Überall kleine Restaurants mit Essen zweifelhafter Qualität (beginnt schon mit der Frage, wo das Wasser herkommt, das man im Tee hat…). Dann gibt's Restaurants, die eher auf den westlichen Geschmack abzielen und oft zu Hostels für Rucksackreisende gehören. Dort gibt's dann die übliche Travellerkost – von Spaghetti über Pfannkuchen bis hin zu koreanischen oder japanischen Gerichten.
Tja, und dann gibt es noch das Blue Lassi – das ultimative Geschäft für den Joghurtdrink Indiens. Ich dachte eigentlich, dass ich nach 7 Indienreisen in Sachen Lassi keine grossen Überraschungen mehr erlebe. Tja, so kann es gehen – im Blue Lassi gibt es definitiv die besten Lassis von ganz Indien.
Banane-Schoko, Papaya, Apfel, Kaffee, Mango, Orange oder Kokos-Schoko – ganz egal, alle sind genial! Bin jeden Tag dort und jeden Tag wird was neues probiert!
Meine ursprüngliche Reiseplanung wurde von einem gewissen Dalai Lama komplett auf den Kopf gestellt. Der Herr war nämlich genau zu der Zeit in Bodhgaya, zu der ich auch hinwollte. Der Dalai Lama in Bodhgaya – das hat zur Folge, dass dort 300 000 Menschen sind, die ihn sehen wollen. Wohlgemerkt in einem Ort mit 30 000 Einwohnern!
Zuerst hat mich das etwas abgeschreckt – wo sollte ich wohnen, wenn eh schon so viele Menschen dort sind? Im Vorfeld hatte ich ein paar Hotels in Bodhgaya und auch im benachbarten Gaya angerufen – alles voll trotz hoher Preise für miese Zimmer.
Was tun?
Letztendlich hinfahren und auf mein Glück vertrauen! Und so hab ich es auch gemacht. Ich hatte doppelt Glück schon bei der Hinfahrt – zum einen habe ich Tanya aus den USA kennen gelernt, die von der Idee begeistert war und sich anschloss, zum anderen wollten zwei Japaner für einen Tagesausflug nach Bodhgaya fahren. Also haben wir ein Auto gemietet, das uns 4 dorthin brachte (knapp 5 Stunden Fahrt), Tanya und ich sind dort geblieben.
War immer noch das Problem der Unterkunft – überall Zelte, überall Menschen, alle Klöster voll mit riesigen Matratzenlagern. Also erst mal zur Touristeninformation. Dort wollte es der Zufall, dass gerade ein junger Mann da war, dessen Vater ein paar Zimmer in einer Hütte vermietet. Perfekt – eine sehr urige Unterkunft aus Lehm mit Tüchern an den Wänden und einem Doppelbett. Es gab sogar manchmal Strom und heisses Wasser.
Außerdem: unser direkter Nachbar war ein Elefant! Moti, der Elefant, wurde schnell unser Freund, nachdem wir ihn mit ein paar Handvoll leckerem Reis gefüttert haben.
Einen Elefant als Nachbarn, das hatte ich auch noch nie!
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Gut, Unterkunft war klar, dann ab ins Gewühl! Es war einfach unbeschreiblich. Überall saßen und lagen Menschen. Der Dalai Lama hielt seine "lectures" von einem Kloster aus, das Ganze wurde per Leinwand und Lautsprechern übertragen. Und überall Menschen, die ihm zuhörten, die tausende von Kilometern gereist sind, um ihn zu sehen. Thailänder, Vietnamesen, Menschen aus Sri Lanka und Bhutan und natürlich viele Exiltibeter. Und viele Menschen aus dem Westen. Eine richtig bunte Mischung.
Diese vielen Menschen hatten natürlich zur Folge, dass man überall für alles und jedes anstehen musste. Im Restaurant kein Platz, für eine Flasche Wasser lange Schlangen, selbiges für den Haupttempel. Aber die Atmosphäre war relaxed, die Menschen entspannt und zufrieden, dass sie hier sein konnten. Und natürlich wieder mal ein Eldorado für Fotografen! All diese Menschen von überall her, die religiösen Rituale, die große Freude der Menschen und ihre Zufriedenheit – das alles machte dieses Zusammenkommen so speziell!
In der ersten Nacht in unserer Hütte wurden wir buchstäblich von Moskitis aufgefressen. Während der ganzen Reise keine einzige Mücke, und jetzt, wo wir nur mit Sturmgepäck und ohne Spray oder Netz unterwegs waren, tauchten diese Biester in Scharen auf! Weil es so kalt war, hatten die Moskitos nicht viel Auswahl – bis auf unsere Gesichter war alles im Schlafsack…. Aber unserer Gesichter waren dann am Morgen schon sehr in Mitleidenschaft gezogen. Für die zweite Nacht organisierte unsere Familie ein Moskitonetz, dann hörten wir nur noch das böse Summen, konnten aber beruhigt schlafen.
In Bodhgaya gibt es viele Klöster, aber das von Karmapa ist besonders toll. (Karmapa ist ein hoher Lama aus Tibet, der noch als Jugendlicher nach Indien geflohen ist). Dieses Kloster hat mich so richtig an meine Reise nach Tibet 1998 erinnert. Auch hier ein richtig volles Matratzenlager für die vielen Pilger.
Am Nachmittag hat uns der 17-jährige Sohn des Elefanten- und Hüttenbesitzers zu einem Tempel außerhalb von Bodhgaya gebracht. Der Tempel war nicht das eigentlich spannende für Tanya und mich, sondern die Landschaft, die Bauern, die ihre Arbeit verrichten, das satte Grün der jungen Pflanzen und die neugierigen und zugleich scheuen Menschen.
Bodhgaya wie auch Rajgir, unser nächstes Ziel, sind beides Orte in Bihar. Bihar ist der rückständigste und ärmste Staat von Indien. Wenige Touristen bereisen die Gegend (von Bodhgaya mal abgesehen). Die Menschen sind deswegen immer sehr erstaunt, wenn Touristen im Bus sitzen. Nicht wenigen merkt man durchaus an, dass sie zum ersten Mal Weisse sehen. Aber durch die Bank alle freundlich, nirgends ein Dollarzeichen in den Augen, was in touristischen Gegenden ja doch sehr häufig passiert. Man hat das Gefühl, dass die Menschen stolz sind, im gleichen Fahrzeug zu sitzen – und wenn's eine überfüllte Rikscha mit 12 (!) Personen ist. Als da die letzten beiden "eingestiegen" sind, mussten Tanya und ich so lachen, dass alle anderen mit einstimmten. So eine lustige Fahrt hatten wir wohl alle noch nie…..
Bihar wird von vielen Problemen geplagt – eine hohe Analphabetenquote, riesige Familien, die größte Armut unter der Landbevölkerung (wenige Landlords mit Riesenbesitz und viele Arme ganz ohne Land), Dürre, schlechte Straßen, komplett vermüllte, heruntergekommene Städte und eine linke Rebellengruppe, die die Gegend unsicher macht. Immer wieder kommt es in Bihar zu Entführungen und Schießereien.
Touristen betrifft das eher nicht, aber natürlich kann man theoretisch aus Versehen im Weg stehen….
Unsere Zugfahrt zurück von Gaya nach Varanasi war auch ein Klassiker – Wartelistenplatz 86 und 87. Die Plätze wurden vom Station Manager vor der Abfahrt bestätigt – und die Plätze waren natürlich nicht frei.
Aber – wir waren mitten in eine Gruppe junger Sportler geraten, die von Kalkutta zurück nach Delhi gefahren sind. Zwei blonde Frauen – da rutscht man doch schnell mal zusammen und macht Platz für die Damen. Und somit war das Unterhaltungsprogramm für die nächsten 5 Stunden gesichert….
So, bin jetzt wieder in Varanasi und nehme morgen abend den Nachtzug nach Kalkutta. Hatte ich schon lange nicht mehr. Von den 14 Stunden werde ich bestimmt ein paar schlafen – im Sleeper mit reserviertem Bett….
Viele Grüße
Andy
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Donnerstag, 19.01.2012
Liebe Freunde,
wie immer auf Reisen vergeht die Zeit wie im Flug. Wenn es nur im Alltag auch zumindest manchmal so wäre…
Wie auch immer, der Nachtzug nach Kalkutta war wie erwartet verspätet. Natürlich wieder der böse Nebel. Aber immerhin waren es nur 2 Stunden. Allerdings zwei extrem kalte und zugige Stunden am Bahnhof von Varanasi. Immerhin hat ein sehr netter Bahnbeamter mit mir gewartet. Wenn es bei Zügen zu Verspätungen kommt, dann ändert sich oft in letzter Minute das Gleis. Und aus Erfahrung, meinte der Beamte, weiß er, dass die Fremden die Durchsagen am Bahnhof nicht verstehen… Wie wahr – Hindi sowieso schon mal nicht, und indisches Englisch über Lautsprecher ist, ehrlich gesagt, nicht arg viel besser.
Aber über zwei Stunden beschwert man sich ja gar nicht….
Gebucht hatte ich einen Platz im Sleeper – das ist die billigste Version, wenn man liegen will. Also ohne Abteil, offener Wagen, jeweils drei Betten übereinander. Mit Schlafsack, Buch und Taschenlampe bewaffnet liest man halt so lange, bis man müde ist und dann wiegt einen der Zug in den Schlaf. Zeit hatten wir dazu mehr als genug, immerhin sollte die Reise 14 Stunden dauern… Natürlich war es letztendlich länger, knapp 20 Stunden, aber was soll's, es war bequem, irgendwann haben wir die Betten wieder zu Sitzen umgebaut und waren am frühen Nachmittag in Kalkutta.
Vor 16 Jahren war ich schon einmal in Kalkutta. Damals habe ich im Zentrum in der Sudder Street gewohnt – eine fürchterliche Gegend mit schrecklichen Hotels. Damals war es praktisch, weil zentral, billig und nahe am Haus von Mutter Teresa, wo ich ein paar Tage gearbeitet habe. Aber ein Zimmer für 50 Cent kann einfach nicht wirklich gut sein… Zusammenfassend kann man über die meisten Hotels in dieser Gegend sagen: superbillig, aber auch superschmutzig, alle möglichen toten und lebendigen Tiere im Zimmer, extrem viele Bettler in der ganzen Straße, nervige Verkäufer von weiß der Himmel was, dubiose Reisebüros und Restaurants mit Essen in sehr zweifelhafter Qualität….
In die Sudder Street wollte ich auf gar keinen Fall mehr, also habe ich schon vor der Abreise im Internet geforscht und bin auf die Jugendherberge von Kalkutta gestoßen. Liegt ziemlich weit ausserhalb, aber lieber jeden Tag 25 Minuten mit der Metro fahren und ruhig, sauber und angenehm wohnen als in diesem Loch Sudderstreet.
Es war nicht ganz leicht, die Jugendherberge zu finden. Sie liegt in einer ganz kleinen Seitengasse etwa 3 Kilometer von Dum Dum Metro Station entfernt.
Als ich dort ankam, wusste ich, dass es genau die richtige Entscheidung war – ein supersauberes Zimmer, heißes Wasser, gutes Essen, nette Mitbewohner und liebenswertes Personal – was will man mehr?
An meinem ersten Nachmittag konnte ich nicht mehr allzu viel unternehmen – immerhin wird es hier gegen 17.30 Uhr dunkel. Also bin ich mit dem Tuktuk und anschließend einem Boot über den Hooghly River gefahren und habe auf der anderen Seite den Belur Tempel besucht. Nach der langen Zugfahrt habe ich mich auf eine ruhige Stunde am Tempel mit seinem Park gefreut.
Tja, es kam mal wieder anders – genau an diesem Tag war der Geburtstag von Ramakrishna Paramahamsa, dem dieser Tempel geweiht ist. Ramakrishna trat im 19. Jahrhundert für die Einheit der Religionen ein und gilt als der Schöpfer des modernen Hinduismus. Vor allem junge Menschen fühlen sich von seiner Lehre angezogen und deswegen fand am Belur Math gleichzeitig zur Geburtstagsfeier ein Jugendfest statt. Tja, man kann es sich wohl vorstellen – alleine war ich dort an diesem Tag nicht! Von wegen ruhig unterm Baum sitzen und Tempel gucken.
Was soll's, dafür jede Menge interessierter junger Leute, die mir gerne erklärten, warum dieser Herr und seine Lehre aus dem 19. Jahrhundert heute noch so wichtig sind… Jedenfalls ein sehr spannender Nachmittag!
Die Rückfahrt zur Jugendherberge war fast ein bisschen zu spannend, denn eigentlich wollte ich mit dem Bus fahren. Wegen der Feierlichkeiten waren die Busse aber sowas von voll – das kann man sich hier bei uns gar nicht vorstellen. Trauben von Menschen hingen an den Türen. Mitfahren, "Einsteigen"? Kein Drandenken! Aber auch ein Taxi zu bekommen war alles andere als leicht. Die Idee hatten nämlich auch schon ein paar andere…. Und zwar vor mir… Aber gut, auch das war irgendwann geschafft und eine knappe Stunde später war ich wieder bei meiner Unterkunft. Tja, das ist Kalkutta – 5 Kilometer im Taxi, eine knappe Stunde….
Der nächste Tag hat ähnlich angefangen wie der vorherige aufgehört hat. Ich wollte zum Blumenmarkt an der Howrahbrücke. Da kann man ein ganzes Stück mit der Metro fahren und den Rest dann mit dem Taxi. In Kalkutta fangen die Menschen erst sehr spät mit der Arbeit an, will sagen, Rush hour ist nicht zwischen 7.00 und 9.00, sondern zwischen 9.00 und 11.00 Uhr… Das ist natürlich gerne die Zeit, in denen völlig ahnungslose Touristen ebenfalls ihren Tag beginnen wollen.
Lange Rede, kurzer Sinn – meine Metrostation Dum-Dum ist Endhaltestelle. Da sollte man meinen, dass man zumindest einen Stehplatz in der Metro bekommen sollte… Von wegen. Den ersten Zug hab ich gleich mal ohne mich fahren lassen. Beim zweiten Zug stand ich relativ weit vorne, konnte also gut einsteigen. Aussteigen? Das ist natürlich dann nicht so praktisch…. Ich hatte mich zwar bis auf ca 2 Meter an die Türe herangekämpft, aber an meiner Haltestelle Central war kein Drandenken, dass ich aussteigen könnte! Etwa 30 – 40 Menschen blockierten die 2 Meter bis zur Türe… Also eine Station später – das war leichter, weil da eh mehr Leute aussteigen wollten! Himmel, sowas kennt man zur Not vom Fernsehen, von Tokio oder so… wobei da die Menschen nicht so drängeln wie hier.
Wie auch immer, lustig war es allemal und ob ich jetzt mit dem Taxi 3 oder 5 Kilometer fahre – auch egal!
Ganz davon abgesehen – der Blumenmarkt ist die ganze Aktion auf jeden Fall wert! So viele bunte Farben, Gerüche, liebenswerte Menschen, so viele Lastenträger, Rikschafahrer und völliges Choas. Man muss es einfach mögen.
Die Einwohner von Kalkutta reagieren auch ganz anders auf eine Kamera als z.B. in Varanasi oder anderen touristischen Gebieten. Wer fährt denn schon nach Kalkutta, hat die Stadt bei uns doch nach wie vor den Ruf, ein riesiger Moloch zu sein mit vielen Bettlern und Menschen, die auf der Straße leben – kurz und gut, wie Grass es mal formuliert hat: Kalkutta ist der größte Scheißhaufen Gottes!
Weiß der Himmel, wo Herr Grass da war. Nun gut, das war vor über 10 Jahren. Trotzdem – die Stadt hat viel zu bieten, halt nicht auf den ersten Blick. Natürlich gibt es hier die meisten Slums – etwa 2000 registrierte und 3500 nicht registrierte. Bei uns gilt ein Slum als die schlimmste Art zu wohnen. Nur – was ist mit denen, die sich noch nicht mal eine Hütte im Slum leisten können? Die Pavement dweller? Das sind die Menschen, die auf dem Gehsteig schlafen, den sie – wohl gemerkt – mieten müssen!!! Oftmals ganze Familien, manchmal mit einem Stück Plastikplane als Schutz gegen kalte Winternächte, heiße Sommer oder den Monsunregen zwischen Juli und September. Das sind die wirklich Armen – das ganze Leben spielt sich auf der Straße ab. Wer keine Hütte hat, hat logischerweise auch kein Bad – alles spielt sich in der Öffentlichkeit ab. Und wir sprechen hier von ein paar Millionen Menschen, die so leben.
Aber deswegen der größte Scheißhaufen Gottes? Mitnichten. In Kalkutta ist nicht nur die indische Metropole des Drecks, sondern auch die der Kultur. Es gibt jede Menge Galerien, in denen einheimische und ausländische Künstler ausstellen, der Schriftsteller und erste indische Nobelpreisträger Rabindranath Tagore lebte hier (sein Haus ist heute ein Museum mit tollen Ausstellungsstücken und vielen Fotos aus seinem Leben), dann gibt es in der Collegestreet das größte Antiquariat der Welt. Erstaunlich, was sich in den Bretterbuden alles an Literatur findet – ideal für die Studenten der nahen Universität.
Mitten in einem Wohngebiet liegt der Marble Palace. Das Ganze bröckelt genauso vor sich hin, wie die anderen Gebäude der Stadt. Das Gelände ist riesig und im dazugehörigen Garten gibt es einen Zoo mit bedauernswerten Vögeln und anderen Tieren in Kleinstgehegen. So viel Platz wie der Marmorpalast haben in Kalkutta sonst nur Regierungsgebäude und Tempel zur Verfügung. Immerhin leben in Kalkutta normalerweise auf einem derart großen Grundstück mehrere tausend Familien.
Im Inneren des Palastes stehen jede Menge Marmorstatuen aus Europa. Viele von ihnen nackt – Nacktheit ist im Land des Kamasutra und der erotischen Tempelskulpturen heute ein Skandal. Außerdem gibt es viel belgisches Glas, Mingvasen, Kronleuchter und Spiegel – und Gemälde von Tizian und Rubens!
Mit Abstand die wichtigste Sehenswürdigkeit und der Stolz der Einheimischen ist das Victoria Memorial im Herzen der Stadt. Das Gebäude ist aus weißem Marmor erbaut und nach der britischen Königen benannt. Heute ist im Victoria Memorial ein Museum untergebracht – sehr viele Fotos aus der Zeit der Erbauung, Gemälde wichtiger Persönlichkeiten, Miniaturen, Waffen….
So toll das Gebäude aussieht – für mich waren die belebten Straßen, die Märkte und das ganz normale Leben in Kalkutta deutlich spannender. Zum Beispiel in Barabazar – einem klaustrophobisch engen Gassengewirr mit vielen kleinen Geschäften, Marktständen, jeder Menge Einkaufslustiger und Lastenträgern mit wahnwitzig großen Lasten auf dem Kopf oder hoch aufgetürmt in Lastkarren.
Die Menschen in Kalkutta sind besonders gläubig. Es gibt kaum eine Straße, in der nicht zumindest ein blumengeschmückter Schrein, ein religiöses Symbol oder ein Bild von irgendeiner Gottheit zu finden ist. Auch die Ärmsten der Armen spenden noch Unsummen für ihre Seelenheil.
In Kalkutta gibt es einen ganzen Stadtteil, der von der Gläubigkeit der Menschen unmittelbar lebt. In Kumartuli werden das ganze Jahr über Götterskulpturen aus Stroh und Lehm hergestellt. Je nach Größe kosten die bis zu 200.- Euro. Besonders viel gearbeitet wird hier vor dem großen Kali-Fest im Oktober – dann werden tausende Statuen gefertigt, die nach dem Fest in den Ganges geworfen werden.
Dieser Stadtteil ist eine Oase der Ruhe – einfach den Künstlern beim Herstellen der Skulpturen zuschauen, wie sie den Lehm auftragen, glatt drücken, mit Stoffbahnen umwickeln und am Schluss die Statuen mit bunten Farben bemalen.
Natürlich gibt es in Kalkutta viele Märkte für bunte Tücher, Schals, Saris und Punjabis. An meinem letzten Tag wollte ich noch meine letzten Rupien für Mitbringsel ausgeben. Aber irgendwie konnte ich am Markt einfach nichts passendes finden – bin aber auch wirklich nicht zum Einkaufen geboren!
Wie auch immer, mitten im Gewühl habe ich eine Frau mit einem superschönen Schal gesehen. Tja, natürlich habe ich sie angesprochen, wo sie den her hat – natürlich vom anderen Ende der Stadt… Aber wir sind in Kalkutta, der Stadt mit den freundlichsten Menschen von ganz Indien, und sie hat mir angeboten, mich dorthin zu bringen. Ausgestattet mit großem Mercedes und eigenem Fahrer haben wir uns auf den Weg in den Süden Kalkuttas gemacht zu eben diesem Geschäft, und natürlich hat Rita, meine neue indische Freundin, für mich das Verhandeln übernommen.
Nach getaner Arbeit hat sie mich wieder zurück an die Metro gebracht! Wow – Widerspruch war eh zwecklos – "it´s my town. I help you, you are my guest now." Wie würde ein Inder unser Deutschland und seine Bewohner erleben?
Gute Frage – bin jetzt wieder in good cold Germany und denke genau darüber nach. So viel Spontanität und Hilfsbereitschaft – befürchte ich – würde Rita hier leider nicht erfahren. Aber jeder einzelne von uns kann es zumindest ein bisschen ändern!
So, das war jetzt mal der letzte newsletter aus Indien. Ich hoffe, es hat euch Spaß gemacht, mit mir ein bisschen durch Indien zu reisen.
Mal sehen, was es das nächste Mal wird! Wer sich nicht abmeldet, ist wieder per newsletter mit dabei!
Viele Grüße, jetzt aus Regensburg,
Eure Andy
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