Nun war ich also endlich wieder in Agadez. Seitdem ich das letzte Mal hier war, hat sich einiges verändert. Durch die Rebellion, die Banditen und das Ausbleiben der Touristen haben viele Einheimische, die die Möglichkeit dazu hatten, Agadez verlassen. Zurück geblieben sind diejenigen ohne Geld, ohne Job oder Ausbildung und ohne eine Chance, dies zu ändern. Bei vielen Familien herrscht pure Armut, weil niemand Geld verdienen kann, weil es einfach keine Arbeit mehr gibt.
Die Verzweiflung kann durchaus Menschen dazu bringen, anders als normal zu reagieren, und es kann schnell passieren, dass man zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Deswegen hat mir Eva das Versprechen abgenommen, dass ich nur in Begleitung nach draußen gehe.
Evas Haus war immer ein sehr offenes Haus gewesen und ist dies auch geblieben. Daher war es selten ein Problem, jemanden zu finden, mit dem man seine Besorgungen erledigen konnte oder mit Freunden irgendwas zu unternehmen. Eine Umstellung war es allerdings schon, weil ich es natürlich nicht gewöhnt bin, dass ich nicht einfach tun und lassen kann, was ich möchte.
Auf der anderen Seite habe ich die Ruhe, Evas Bibliothek mit Büchern auch in deutscher Sprache, das gute Essen und die Besuche von Freunden sehr genossen.
Von den alten Freunden und Bekannten von 2002/2003 sind nicht mehr allzu viele hier. Die einen waren bei der Rebellion dabei und halten sich noch versteckt, andere leben im Airgebirge, weil es in Agadez derzeit eh keine Arbeit gibt, wieder andere leben in der Hauptstadt Niamey oder gar in Europa.
Aber, wie gesagt, Evas Haus ist nach wie vor ein offenes Haus und es kommen immer interessante Menschen auf Besuch.
Da gibt es den Fahrer und Freund der Familie Assanaga, mit dem ich immer wieder mit dem Motorrad in und um Agadez unterwegs war. Abdou, der ein Händchen für alles elektrische hat, und Bebe, ein Marabout, der sich aufs Maurerhandwerk versteht. Alle drei sind Meister der Gitarre und so manchen Abend verbrachten wir im Hof bei Tuaregtee und Musik. Einfach toll!
Eva baut derzeit gemeinsam mit ihrem Sohn Christof ein Kulturzentrum in Agadez auf. Wir verbrachten viel Zeit dort, es wurden gerade die Wände gestrichen, Möbel angemalt und die Bar installiert.
Als ich das letzte Mal in Agadez war, hatte ich das gleiche Problem wie diesmal – eine neue Frisur musste her, immerhin war ich das letzte Mal vor fünf Monaten beim Friseur…. 2003 habe ich den Fehler begangen, einen einheimischen Friseursalon aufzusuchen. Die drei anwesenden Damen haben sich darum gestritten, wer mir nun die Haare schneidet und haben damals das scheinbar salomonische Urteil gefällt, dass alle an die Frisur dürfen. Nun, das Ergebnis war dementsprechend – einfach schrecklich, die Seiten unterschiedlich lang, vorne viel zu kurz, hinten ein Riesenloch… Ich hatte mich damals geweigert, für diesen fabrizierten Unsinn auch noch zu bezahlen und Eva musste Schadensbegrenzung zuhause betreiben, damit es nicht ganz so krass aussah. Nun, aus Schaden wird man bekanntlich klug.
Diesmal meldete ich mich gleich bei Eva zum Haare schneiden an und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.
Natürlich gibt es nach wie vor Yachya, den netten Nachbarn gerade eine Parallelstrasse weiter, der so wunderschönen Silberschmuck herstellt. Und nach wie vor findet sich bei ihm immer etwas, das man unbedingt mitnehmen muss.
Yachya hat mich auch auf die Hochzeit einer seiner Töchter eingeladen. So etwas ist selbstverständlich immer spannend. Gefeiert wurde insgesamt zwei Tage mit viel Musik, Trommeln und Tanz. Man konnte ganz zwanglos kommen und gehen, und da es, wie gesagt, eh nur ums Eck war, konnte ich auch alleine dorthin gehen. Logischerweise ein sehr fotogenes Event, weil alle in ihrem besten traditionellen Zwirn erschienen sind.
Ein weiterer häufiger Gast im Hause Evas ist Malam, ein Marabout. Die Marabouts erfüllen in Afrika eine wichtige Aufgabe. Sie sind Seher, Heiler, Therapeuten und religiöser Beistand. Sie schützen vor bösen Zaubern und können einen auch von einem solchen befreien. Ich selbst spürte das am eigenen Leib, litt ich doch seit Oktober letzten Jahres unter üblen Schmerzen an der rechten Ferse, die einfach nicht weggehen wollten. Nun, nach der Behandlung von Malam ist es nun schon deutlich besser und wird wohl hoffentlich bald ganz verschwunden sein.
Tja, der Erfolg gibt ihm Recht. Als mir Malam dann dringend davon abriet, an einem Dienstag zu reisen, ich würde nicht heil mein Ziel erreichen und sollte außerdem Benin komplett überdenken, fiel es mir nicht wirklich schwer, nach einem Flug von Niamey/Niger statt von Cotonou/Benin zu schauen. Der Flug war letztendlich nur ein paar Euro teurer und die letzten Buskilometer reduzierten sich mit einem Schlag von gut 2000 Kilometern auf unter 1000.
Vor allem Übel konnte er uns leider auch nicht schützen, denn eines nachts ist irgend jemand über die an sich wirklich hohe Mauer von Evas Haus gestiegen, am Hund Shakira vorbeigekommen, der sonst jeden anbellt und stellt und hat aus unseren Zimmer jegliches Bargeld geklaut. Fotoapparat, Laptops, Musikanlage und Kreditkarten waren noch da, nur das Bargeld fehlte. Diese Nacht hatten wir alle fünf draußen geschlafen, weil das deutlich angenehmer ist. Trotzdem hat niemand von uns etwas von dem Einbruch mitbekommen, obwohl der oder die Einbrecher keine zwei Meter entfernt vorbei gelaufen sein müssen…
Ein beunruhigendes Gefühl, von der blöden Situation, komplett ohne Bares da zu stehen, mal ganz abgesehen….
Die Polizei kam ins Haus, aber wie sehr häufig in Afrika, machten die Herren Polizisten nicht gerade einen arbeitswütigen Eindruck….
Wir beauftragten neben Malam noch einige zusätzliche Marabouts, uns bei der Suche nach den Dieben behilflich zu sein. Bisher leider ohne Erfolg.
Einer von diesen Marabouts legte mir ans Herz, ein Gris Gris machen zu lassen, also einen Talisman, der mich vor allem Bösen beschützen soll. Gute Idee, und bei all dem Unsinn, der in der letzten Zeit so passiert ist, schadet das mit Sicherheit nicht…
Nach gut zwei Wochen bei Eva in Agadez machte ich mich auf zur letzten Etappe meiner Reise im Niger: knapp 1000 Kilometer per Bus bis nach Niamey. Die Strasse war 2002 in einem hervorragenden Zustand, aber das hat sich leider geändert, Teile fehlen ganz, andere Stücke sind von Sand überweht. Die Fahrt dauerte 14 Stunden, etwas länger als normal. Das lag unter anderem daran, dass wir erst einen bösen Sandsturm hatten, dann fing es sogar an zu regnen. All das reduzierte die Sicht erheblich, deswegen kamen wir später als geplant in Niamey an, der Hauptstadt des Niger.
Ibrahim, ein Taxifahrer und Freund von Evas Sohn Christof, holte mich am Busbahnhof ab und brachte mich erst mal zu sich nach Hause. Dort gabs dann was leckeres zu essen, eine dringend notwendige Eimerdusche und anschließend bot er mir seinen Teil des Bettes für ein paar Stunden an, er musste eh Taxifahren. So kam ich in den Genuss von ein paar Stunden Schlaf auf der Riesenmatratze gemeinsam mit seiner Frau und den drei Kindern, bis wir uns um 1.00 Uhr nachts auf den Weg zum Flughafen machten.
Der Flug mit Royal Air Maroq bis Casablanca verlief dankenswerterweise komplett unspektakulär und 6 Stunden später war ich in Marokko. Das ist bereits das vierte Mal, dass ich Marokko bereise, allerdings war ich noch nie in der Region Tanger / Rifgebirge. Das wollte ich nun verbinden mit dem Besuch eines alten Bekannten von dieser Reise – Mohsine, den ich in Windhoek im Chameleon Backpacker kennen gelernt hatte.
In Casablanca war es ein absolutes Kinderspiel mit der Weiterreise – man kann vom Flughafen mit dem Zug bis zum großen Bahnhof in der Stadt fahren, dort ging gerade mal 15 Minuten später ein Zug nach Tanger. Gerade genug Zeit, eine neue Simcard zu besorgen, diese aufzuladen und schon gings los!
Nach knapp sechs Stunden kam ich in Tanger an, die Fahrt verging wie im Fluge, hatte ich doch zwei nette junge Frauen aus England im Abteil.
Mohsine holte mich am Bahnhof ab und brachte mich zu einem kleinen Hotel nahe der Altstadt.
Wenn man online über Tanger nachlesen will, gibt es nicht allzu viele positive Kommentare. Ich selbst habe mich hier sehr wohl gefühlt, es gibt auch durchaus einiges zu sehen, die Medina (Altstadt) ist sehr verwinkelt mit weißen, gelben und roten Häusern, kleinen Geschäften und Hotels. Es gibt eine Kasbah (Burg) mit einem guten Museum, ein paar alte Stadttore und immer wieder Ausblicke aufs Meer.
An einem Tag fuhren wir ein bisschen aus der Stadt heraus. Die Gegend außerhalb von Tanger wird bestimmt durch riesige Villen, die meist Ausländern gehören, v.a. Saudis. Es gibt sehr viele Aussichtspunkte sowie die Herkules Höhle mit Blick aufs Meer. Das Guckloch nach draußen erinnert stark an die Umrisse Afrikas, angeblich wurde hier aber nicht nachgeholfen, sondern es ist alles auf natürlichem Wege entstanden…
Von Tanger aus ist es nicht weit bis nach Chefchaouen. Bei meinen früheren Marokkoreisen habe ich es noch nie bis dorthin geschafft, obwohl ich schon immer mal hin wollte.
Von Tanger aus dauert es per Bus drei Stunden. Es sind zwar nur 110 Kilometer, aber die haben es in sich, denn es geht richtig in die Berge.
Chefchaouen ist eine relativ kleine Stadt im Rifgebirge. Hier gibt es eine wunderschöne Medina mit vielen krummen Gassen, ganz vielen blauen Häusern, vielen Geschäften, Hotels und Restaurants. Natürlich ist das Ganze sehr touristisch, aber das hat durchaus seinen Grund – es ist einfach schön hier, sehr ruhig und die Menschen sind sehr gelassen. Letzteres mag zum Teil auch auf das Kif-Rauchen (Hasch) zurückzuführen sein….
Neben der Altstadt gibt es noch die Cascades, die Wasserfälle. Hier waschen die einheimischen Frauen Wäsche. An den Cascades beginnt der Weg zur Moschee, die auf einem nahen Hügel liegt. Von dort aus hat man einen hervorragenden Blick auf die blauen Häuser der Altstadt.
Nach zwei Tagen in Chefchaouen kehrte ich wieder nach Tanger zurück. Für den 01.05. hatte ich keine größeren Pläne, das war immerhin mein letzter Tag. Eigentlich wollte ich den Nachtzug nach Casablanca nehmen, der morgens um 04.30 Uhr in Casa Voyageur ankommt. Mit dem Sprinter dauert es dann nur noch 20 Minuten von dort aus bis zum Flughafen, sodass das insgesamt gut passt mit dem Abflug um 08.30 Uhr nach Frankfurt.
Am Strand von Tanger lernte ich allerdings eine nette Familie kennen, die meinten, dass das so gar keine gute Idee ist, da genau in dieser Nacht auf Sommerzeit umgestellt wird und dadurch schon mal eine Stunde weniger zur Verfügung steht. Ganz davon abgesehen haben die marokkanischen Nachtzüge gerne mal eine oder zwei Stunden Verspätung…. Tja, und auf einmal sieht das alles ganz anders aus und passt gar nicht mehr!
Aber es gab eine Möglichkeit – nämlich den Zug um 17.00 Uhr! Die Hilfsbereitschaft der Marokkaner hat keine Grenzen, so packte die Familie in Windeseile ihre Siebensachen zusammen, und wir fuhren zu meinem Hotel, holten das Gepäck und ab zum Bahnhof.
Die sechs Stunden im Zug vergingen wie im Flug, immerhin hatte ich nette Mitreisende mit an Bord und mein Französisch ist durch die vier Monate in frankophonen Ländern durchaus auch etwas besser geworden.
Um 23.00 Uhr kam ich dann in Casa Voyageur an. Meine Mitreisenden ließen es sich nicht nehmen, mich zu einem preiswerten Hotel ganz in der Nähe des Bahnhofes zu begleiten, immerhin gelten Bahnhofsgegenden in aller Herren Länder nun nicht gerade als die besten aller Viertel.
Tja, und am 02.05.10 endete mein Afrikatrip ganz und gar unspektakulär (in dem Zusammenhang: dankenswerterweise) mit einer kurzen Zugfahrt mit dem Sprinter bis zum Flughafen in Casablanca und einem 3,5 Stunden Flug mit Royal Air Maroq bis nach Frankfurt.
Ich wusste schon gar nicht mehr, wie kalt 13 Grad sein können – ziemlich kalt!
Nach 333 Tagen (was für eine Zahl!) ist meine Afrikareise zu Ende. Ich war in insgesamt 16 Ländern. Mitgebracht habe ich etwa 15 000 Fotos und habe nun 17 bunte Simcards daheim liegen, habe viele neue Freunde, neue Eindrücke und neue Einsichten gewonnen. Erfahrungen, die mir niemand mehr nehmen kann und die ich hoffentlich auch hier werde nutzen können. Es wird anfangs nicht ganz leicht werden, mich hier wieder einzugewöhnen, aber mein Lebensgefährte Werner und meine Freunde, seien es deutsche, amerikanische und nicht zuletzt die afrikanischen werden mir helfen, mich hier wieder einzuleben. Monica, meine Freundin aus Windhoek, hat das vor ein paar Tagen ganz gut in einer SMS zusammengefasst: Sie meinte, dass ich viel im letzten Jahr in ihrem Kontinent erlebt habe, viel gutes, aber auch schlechtes. Nun sei es Zeit heimzugehen. Ich bin und bleibe ihre europäisch-afrikanische Schwester, bin ein Teil von ihnen geworden und fühle mich hier wie dort zuhause, weil ich das Glück hatte, mir Zeit für die Menschen in Afrika, ihre Kultur und ihre Traditionen nehmen zu können. Ich werde meine neuen Freunde vermissen, genauso wie ich mich freue, die alten Freunde wiederzusehen. Ich weiß aber auch, dass sie Recht mit einer Sache hat: wir werden uns bestimmt bald wiedersehen….
Jetzt, wenn ich diese letzten Zeilen schreibe, bin ich den ersten Tag wieder zuhause. Alles noch ziemlich neu, aber ich bin es ja nun gewöhnt, mich auf neues einzustellen. Also, packen wir es an!
Das ist nun (zumindest momentan) die letzte mail "Neues aus Afrika". Ich freue mich gerade auch jetzt immer über Emails, Anrufe oder SMS.
Viele Grüße nun aus dem derzeit sehr kalten und regnerischen Regensburg
Eure Andy