Donnerstag, 1. Oktober 2026

Donji Milanovac – Donau, Waschmaschine und ein kleiner Behördenkrimi

Blick von der Terrasse unseres Apartments, Donji Milanovac, Serbien

Nach der Einreise nach Serbien geht es für uns nach Donji Milanovac, einen kleinen Ort mit rund 2.000 Einwohnern direkt an der Donau. Unsere Unterkunft, das Apartman Dunav Plus, entpuppt sich schnell als Volltreffer.

Unsere Unterkunft (1. Stock), Donji Milanovac



Das Apartment ist riesig: zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine Küche und im Bad sogar eine Waschmaschine. Nach vier Wochen unterwegs ist das schon fast Luxus. Das eigentliche Highlight ist aber die riesige Terrasse mit einem genialen Blick auf die Donau.




Tolles Frühstück, Donji Milanovac, Serbien


Auch das Frühstück lässt nichts zu wünschen übrig. Und das nette Gastgeberehepaar trägt seinen Teil dazu bei: Sie kümmert sich liebevoll um uns und bringt immer mal wieder eine Kleinigkeit auf die Terrasse – einen Kaffee oder ein Eis. Solche kleinen Aufmerksamkeiten bleiben im Gedächtnis.




Weniger erfreulich ist dagegen unser erster Kontakt mit einem serbischen Geldautomaten.

Der ATM der Bank schluckt zunächst meine Karte. Immerhin gibt er sie nach einiger Zeit wieder heraus. Geld kommt allerdings keines.

Beim Blick aufs Konto folgt die nächste Überraschung: 500 Euro sind trotzdem abgebucht.

Na wunderbar.

Am nächsten Morgen geht es deshalb zur Bank. Dort wird zunächst argumentiert, dafür müsse die deutsche Bank zuständig sein. Nein, natürlich nicht. Der serbische Geldautomat hat meine Karte eingezogen, kein Geld ausgegeben und trotzdem mein Konto belastet.

Also wird reklamiert. Und siehe da: Einen Tag später sind die 500 Euro wieder auf dem Konto.

Damit wäre das Thema erledigt – wenn nicht noch die serbische Bürokratie auf uns gewartet hätte.

In Serbien muss sich jeder Tourist innerhalb von 24 Stunden bei den Behörden melden. Normalerweise erledigt das die Unterkunft. Unser Gastgeberehepaar wusste davon allerdings nichts.

Also machen wir uns selbst auf den Weg zur Polizei. Der Polizist spricht kein Wort Englisch. Wir sprechen kein Serbisch. Immerhin kennt er jemanden, der Deutsch kann. Über mehrere Umwege lässt sich schließlich klären, weshalb wir überhaupt vor ihm stehen. Dann muss unser Gastgeber kommen.

Er macht sich auf den Weg, gemeinsam wird im Computer nach uns gesucht – allerdings ohne Erfolg. Der Polizist findet uns nicht.

Die Lösung fällt dann erstaunlich unkompliziert aus: Wir sollen einfach weiterreisen. Da wir ohnehin nach Kroatien ausreisen, sei das kein Problem. Dort sei so viel los, dass sowieso keine Kontrollen stattfinden würden.

Also gut. Dann fahren wir eben weiter.


Blick von unserer Terrasse auf die Donau, Donji Milanovac, Serbien

Ein Nachtrag aus Belgrad

Inzwischen wissen wir: Wir sind sehr wohl im Computersystem erfasst.

Offenbar konnte der Polizist mit unseren deutschen Personalausweisen nur nichts anfangen.

Damit hat sich auch dieses kleine Rätsel gelöst.

Donji Milanovac bleibt uns deshalb vor allem wegen der schönen Seiten in Erinnerung: die Donau direkt vor der Terrasse, ein großzügiges Apartment, ein gutes Frühstück, eine Waschmaschine zur rechten Zeit – und ein ausgesprochen nettes Gastgeberehepaar, das uns den Aufenthalt mit kleinen Aufmerksamkeiten versüßt.

Und unsere ersten Erfahrungen mit Geldautomat und Polizei? Die gehören eben auch zum Reisen. Sonst hätte man ja nichts zu erzählen.


Mittwoch, 30. September 2026

Von der Kälte in die Wärme – Orsova und das eiserne Tor

Eisernes Tor, Rumänien

Nach den kalten Höhen der Transalpina ist Orșova genau das, was wir jetzt brauchen: Wärme, Wasser und wieder ein bisschen Sommergefühl. Wir sind an der Donau angekommen – genauer gesagt am Eisernen Tor – und damit in einer ganz anderen Welt.

Noahs Ponton, Orsova, Rumänien

Unsere Unterkunft, Noahs Ponton, liegt direkt an der Donau. Die Zimmer befinden sich am Ufer, davor erstreckt sich ein Ponton mit Tischen, Stühlen und Liegen direkt über dem Wasser. Der perfekte Platz, um einfach aufs Wasser zu schauen und für ein paar Stunden sämtliche Reisepläne sein zu lassen.




Noahs Ponton, Orsova, Rumänien

Dazu gehören zwei ausgesprochen zutrauliche Katzen, die offenbar schnell beschlossen haben, dass wir dringend etwas Gesellschaft brauchen. Kaum sitzen wir draußen, sind die beiden zur Stelle – Streicheleinheiten inklusive.

Die Gastgeber selbst sind zwar nicht vor Ort, aber die Kommunikation über WhatsApp funktioniert hervorragend. Fragen werden schnell beantwortet, und als wir eine Bootstour machen möchten, wird diese kurzerhand für uns organisiert. So unkompliziert kann Gastfreundschaft auch aus der Ferne funktionieren.

Bootsfahrt Eisernes Tor, Rumänien



Mit an Bord ist eine rumänische Familie, die gerade Urlaub macht. Die Tochter spricht richtig gut Englisch, sodass wir uns wunderbar unterhalten können. Und so wird aus einer gebuchten Bootstour ziemlich schnell ein gemeinsamer Ausflug. 




Wir fahren zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Gegend: vorbei an Trajans Tafel, zum gewaltigen Felsrelief des Decebalus, durch die spektakuläre Enge des Eisernen Tors und weiter zum Kloster Mraconia, das direkt am Wasser liegt.

Traians Tafel, Eisernes Tor, Serbien

Decebalus, Eisernes Tor, Rumänien

Kloster Mraconia, Rumänien

Eisernes Tor, Rumänien / Serbien



Vom Boot aus bekommt die Landschaft noch einmal eine ganz andere Wirkung. Die steilen Felsen türmen sich links und rechts der Donau auf, dazwischen das Wasser und immer wieder historische Spuren. Eine ziemlich beeindruckende Kulisse. 




Und während wir noch vor ein paar Tagen auf der Transalpina bei einstelligen Temperaturen unterwegs sind, sitzen wir jetzt bei angenehmen Temperaturen am Wasser. Das Thermometer hat also endlich verstanden, was wir unter Urlaub verstehen.

Nach kalten Passstraßen, dicken Jacken und einer Heizung, die uns auf der Transalpina zwischenzeitlich ebenfalls im Stich gelassen hat, ist das hier unsere ganz persönliche Rückkehr in den Sommer – mit Donaublick, zwei Katzen und Liegestuhl. Mehr braucht der Mensch manchmal gar nicht.

Eisernes Tor, Rumänien / Serbien

Eisernes Tor

Decebalus und wir, Eisernes Tor, Rumänien


Dienstag, 29. September 2026

Transalpina – Papanasi, Hirschgeweihe und eine Kapuze im Sturm


Transalpina, Rumänien

Eigentlich wollten wir auf der Transalpina vor allem eines: spektakuläre Berglandschaften und möglichst viele Serpentinen. Bekommen haben wir zunächst Hirschgeweihe, ausgestopfte Tiere, Papanasi und ein Zimmer ohne funktionierende Heizung. Auch das gehört offenbar zur Transalpina. 

Cheile Jiețului, Rumänien


Da wir von Hunedoara kommen, nehmen wir nämlich nicht den klassischen Einstieg über Sebeș. Wir fahren über Petroșani und durch die Cheile Jiețului hinauf nach Obârșia Lotrului. 





Cheile Jiețului, Rumänien

Hanul Haiducilor, Rumänien


Dort übernachten wir im Hanul Haiducilor – einer ziemlich rustikalen Unterkunft, die mit ihrer Einrichtung irgendwo zwischen Berghütte und Jagdmuseum liegt. An den Wänden hängen Hirschgeweihe und ausgestopfte Tiere. Dafür ist das Essen richtig gut: Unter anderem gibt es Papanasi, die rumänischen Quarkknödel mit Sahne und Marmelade.


Hanul Haiducilor, Rumänien

Hanul Haiducilor, Rumänien


Vidra See, Rumänien


Am Nachmittag sind die Temperaturen mit etwa 10 Grad noch durchaus erträglich. Wir machen deshalb noch einen Abstecher zum Vidra-See. Sonne und Wolken wechseln sich ab, die Landschaft ist wunderschön – nur der See selbst hat deutlich zu wenig Wasser. 






Am Abend wird es dann allerdings richtig kalt. Und damit wird unsere Unterkunft plötzlich zur praktischen Herausforderung: Die Heizung in unserem Zimmer funktioniert nicht. Also wechseln wir das Zimmer und bekommen tatsächlich eines mit funktionierender Heizung. Man lernt auf Reisen, sich über ganz einfache Dinge zu freuen.

Transalpina. Rumänien

Am nächsten Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Strahlend blauer Himmel – perfektes Wetter für die Transalpina.

Jetzt beginnt der eigentliche Höhepunkt. Die Straße schraubt sich in unzähligen Serpentinen immer weiter nach oben. Mit jedem Meter wird die Landschaft großartiger: weite Hänge, hohe Berge und immer wieder diese Straße, die sich spektakulär durch die Landschaft zieht.

Und dabei fällt uns noch etwas auf: Hier oben gibt es keinen Budenzauber. Keine Verkaufsstände, keine Souvenirläden, kein großes touristisches Drumherum. Stattdessen Natur – und erstaunlich wenig Menschen. Auf weiten Strecken haben wir die Straße und die Berge fast für uns allein.

Dann erreichen wir den Urdele-Pass auf 2.145 Metern. 


Urdele Pass, Transalpina, Rumänien

Obwohl die Sonne vom blauen Himmel scheint, ist es dort oben alles andere als warm. Der Wind pfeift uns ordentlich um die Ohren. Also Anorak an, Kapuze auf den Kopf – und dann genießen wir die Aussicht.


Transalpina, Rumänien

Und die ist für uns sogar noch beeindruckender als auf der Transfăgărășan. Die Transfăgărășan war spektakulär, keine Frage. Aber landschaftlich gefällt uns die Transalpina noch besser: weiter, ursprünglicher, ruhiger. Und vielleicht macht gerade das den Unterschied.





Nach dem kalten Abend, dem Zimmerwechsel und der Heizungs-Odyssee fühlt sich dieser sonnige Blick über die Berge fast wie eine Belohnung an.

Und so bleibt von unserer Transalpina vor allem eines hängen: grandiose Landschaft, Serpentinen ohne Ende und kaum jemand, der sie mit uns teilen möchte. Dazu ein rustikales Gasthaus, Papanasi und eine funktionierende Heizung – manchmal braucht es eben gar nicht mehr.


Transalpina, Rumänien

Transalpina, Rumänien



Transalpina, Rumänien

Montag, 28. September 2026

Castelul Corvinilor– Mittelalter auf großer Bühne

Castelul Corvinilor, Hunedoara, Rumänien

Nach all den Wehrkirchen und Klöstern der vergangenen Wochen sind wir inzwischen ziemlich gut darin, mittelalterliche Mauern zu erkennen. Aber dann kommt Castelul Corvinilor, die Burg von Hunedoara. Sie sieht tatsächlich so aus, als hätte jemand eine mittelalterliche Filmkulisse gebaut: Türme, Zinnen, hohe Mauern, eine lange Holzbrücke und jede Menge dramatische Architektur.


Castelul Corvinilor, Hunedoara, Rumänien

Schon der erste Blick macht klar: Hier wollte man nicht nur sicher wohnen, sondern auch Eindruck machen.







Die Burg geht im Kern auf das 15. Jahrhundert zurück und ist eng mit dem ungarischen Heerführer Johannes Hunyadi verbunden. Später wurde immer wieder umgebaut und erweitert. Heute gehört sie zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Rumäniens.

Und das merkt man. 

Castelul Corvinilor, Hunedoara, Rumänien

Touristen gibt es zuhauf – allerdings nur wenige ausländische Besucher. Die große Mehrheit sind Rumäninnen und Rumänen – Familien, Gruppen, Kinder, Großeltern. Corvinilor scheint also vor allem ein beliebtes Ausflugsziel im eigenen Land zu sein.





Es gibt einen ausgeschilderten Rundweg durch die Burg. Theoretisch jedenfalls. Praktisch hält sich kaum jemand daran.

Es geht über Treppen, durch Höfe und Räume, wieder hinaus und irgendwo anders wieder hinein. Die Burg ist so groß, dass man dabei durchaus den Überblick verlieren kann.


Castelul Corvinilor, Hunedoara, Rumänien

Was uns besonders gefällt: Corvinilor ist nicht geschniegelt und auf Hochglanz poliert. Vieles ist restauriert oder rekonstruiert, aber eben nicht alles. Zusammen mit den Türmen und der Lage ergibt das genau diese Mischung aus echter mittelalterlicher Burg und ziemlich perfekter Fotokulisse.





Natürlich hat auch Corvinilor seine Dracula-Geschichte. Vlad III. Drăculea, der historische „Dracula“, soll hier zeitweise gefangen gehalten worden sein. Historisch belegt ist das aber nicht.

Aber was macht man mit einer spektakulären mittelalterlichen Burg und einer Figur, die weltweit als Dracula bekannt ist? Man bringt die beiden irgendwie zusammen.


Castelul Corvinilor, Hunedoara, Rumänien

Wir sind inzwischen lang genug in Rumänien, um zu wissen: Dracula ist hier so etwas wie ein touristischer Joker. Irgendwann taucht er auf. Wenn nicht als historische Tatsache, dann wenigstens als Legende, Souvenir oder Werbeidee.

Corvinilor braucht ihn eigentlich gar nicht. Die Burg ist auch ohne Vampir ziemlich beeindruckend.



Nach den eher stillen Wehrkirchen und Klöstern der letzten Wochen wirkt Corvinilor fast ein bisschen wie der große Auftritt zum Schluss: viele Menschen, viel Gewusel und eine Burg, die sich ziemlich offensichtlich ihrer Wirkung bewusst ist.

Wir stehen also mittendrin, schauen nach oben, warten auf eine Lücke für ein Foto und denken kurz an die vielen kleinen Kirchen zurück, bei denen wir teilweise die einzigen Besucher waren.


Castelul Corvinilor, Hunedoara, Rumänien

Hier sind wir definitiv nicht allein.

Aber das ist auch ganz schön. Die Rumänen selbst scheinen jedenfalls zu wissen, was sie an ihrer Burg haben. Und während wir uns langsam wieder Richtung Ausgang schieben, ist klar: Corvinilor ist kein stiller Geheimtipp. Muss es auch gar nicht sein. Manche Burgen dürfen einfach groß auftreten.


Castelul Corvinilor, Hunedoara, Rumänien

Castelul Corvinilor, Hunedoara, Rumänien


Sonntag, 27. September 2026

Die Paläste von Hunedoara – wenn ein Haus einfach nicht groß genug ist

Roma-Paläste, Hunedoara, Rumänien

Wir fahren durch Hunedoara. Eigentlich wollen wir zur Burg Corvinilor. Ich schaue aus dem Fenster – und brauche ungefähr drei Sekunden, um zu merken, dass hier irgendetwas nicht in mein bisheriges Rumänienbild passt. 

Roma-Paläste, Hunedoara, Rumänien


Da steht ein Haus. Nein. Ein Palast. Mit Türmchen. Säulen. Balkonen. Glänzendem Dach.

Ich schaue nach vorne. Da steht das nächste. Und dahinter noch eins.





Wir kennen inzwischen die rumänischen Varianten von „Haus“. Kleine Häuschen, riesige Betonhäuser, hübsche Holzhäuser und Gebäude, bei denen man sich fragt, warum man ausgerechnet diese Farbe für die Fassade gewählt hat. Aber das hier ist eine andere Liga.

Hunedoara kann offenbar auch: „Wenn schon Haus, dann aber richtig.“


Roma-Paläste, Hunedoara, Rumänien


Diese auffälligen Häuser werden häufig als „Roma-Paläste“ bezeichnet. Einige entstanden nach 1989 im Zuge neuer wirtschaftlicher Möglichkeiten dieser nationalen Minderheit und wurden auch zum sichtbaren Ausdruck von Wohlstand und Erfolg. Türme, Kuppeln, Säulen, Erker, Rundbogenfenster und glänzende Dächer – manchmal alles gleichzeitig.



Manches erinnert an ein französisches Schloss, manches an eine italienische Villa und manches an ein Hotel.

Einen einheitlichen Stil gibt es nicht. Gerade diese Mischung macht die Häuser so spannend.

Eine mittelalterliche Burg ist voller Türme und Mauern, weil es einen ganz praktischen Zweck hatte: Schutz. 


Roma-Paläste, Hunedoara, Rumänien

Die neuen Paläste erzählen eine andere Geschichte – von Wohnen, Wohlstand und persönlichem Geschmack. 

Nicht: „Bleibt draußen, hier wird verteidigt.“ Sondern eher: „Schaut her, das haben wir uns aufgebaut.“





Und plötzlich sind die Häuser noch interessanter, weil sie etwas über die Menschen erzählen, die sie gebaut haben.

Und genau deshalb mag ich solche Reisen

Eigentlich wollten wir nur zur Burg. Dann sehen wir diese Häuser und denken darüber nach, wie unterschiedlich Menschen zeigen, was ihnen wichtig ist. 


Roma-Paläste, Hunedoara, Rumänien

Genau solche Momente bleiben mir von einer Reise oft stärker im Kopf als der nächste Pflicht-Haken im Reiseführer.

Vielleicht ist das überhaupt das Spannende am Reisen: Man sieht etwas, das einem zunächst fremd vorkommt – und wenn man genauer hinschaut, steckt dahinter meistens mehr als nur ein ungewöhnliches Haus.




Man weiß nie, was hinter der nächsten Kurve kommt. Manchmal ist es eine Burg. Manchmal ein Bär. Und manchmal ein Haus mit drei Türmen.

Roma-Paläste, Hunedoara, Rumänien



Freitag, 25. September 2026

Wenn die Kirche plötzlich zur Festung wird

Wehrkirche Harman / Honigberg, Rumänien

Manchmal steht man vor einem Gebäude und denkt sich: Das ist aber eine ziemlich wehrhafte Kirche.

Und dann geht man näher ran und stellt fest: Das ist gar keine Kirche mit ein paar dicken Mauern.


Prejmer / Tartlau, Rumänien
Das ist eine Festung.

Mit Türmen. Wehrgängen. Schießscharten. Geheimnisvollen Türen. Und Treppen, die offenbar nach dem Motto gebaut wurden: Je enger und dunkler, desto besser.

Willkommen bei den Kirchenburgen von Transsilvanien. 





Auf unserer Reise sind uns einige davon begegnet. Drei sind uns dabei besonders im Gedächtnis geblieben: Honigberg, Prejmer und Biertan. Und obwohl sie alle demselben Grundgedanken folgen, ist jede wieder anders. 

Aber warum brauchte man hier überhaupt Kirchen, die eher nach Burg aussahen?

Die Siebenbürger Sachsen siedelten sich ab dem 12. Jahrhundert in Transsilvanien an. Ihre Dörfer lagen allerdings in einer Gegend, in der es über Jahrhunderte immer wieder zu Kriegen und Einfällen kam.

Eine Kirche war deshalb irgendwann nicht mehr nur der Ort für den Sonntagsgottesdienst.

Sie musste im Ernstfall die gesamte Dorfgemeinschaft schützen. 

Also wurden Kirchen befestigt, Mauern hochgezogen, Türme gebaut, Vorräte eingelagert und Zugänge gesichert. Die Kirche lag dabei gewissermaßen mitten in einer befestigten Gemeinschaftsanlage.

Und plötzlich versteht man auch, warum diese Gebäude so aussehen.

Besonders eindrucksvoll ist das in Prejmer. Die Anlage lag strategisch am Zugang nach Siebenbürgen und wurde deshalb besonders stark befestigt. Die gewaltige Ringmauer ist bis zu 14 Meter hoch. Dahinter befinden sich mehr als 270 Kammern. 


Prejmer / Tartlau, Rumänien

Das Spannende daran: Diese Räume waren nicht einfach irgendwelche Lagerräume.

Die Familien hatten ihre eigenen Unterkünfte.

Im normalen Leben lebten die Menschen natürlich in ihren Häusern im Dorf. Drohte aber ein Angriff, zog die Dorfgemeinschaft hinter die Mauern der Kirchenburg – und jede Familie wusste, wo ihr Platz war. Dazu kamen Vorräte und alles, was man brauchte, um eine Belagerung zu überstehen.

Eine Art mittelalterliches Notfallkonzept.

Nur ohne Smartphone, Sirene und Katastrophenschutz-App.

Prejmer / Tartlau – ein Dorf in der Festung

In Prejmer wird dieses Prinzip besonders anschaulich.

Hinter der gewaltigen Mauer reiht sich Kammer an Kammer. Kleine Türen, kleine Räume, mehrere Stockwerke. Irgendwie sieht das Ganze aus wie ein mittelalterliches Mehrfamilienhaus – nur dass man sich die Nachbarn vermutlich nicht freiwillig ausgesucht hat.


Prejmer / Tartlau, Rumänien

Und dann darf man auch noch überall herumstöbern.

Valea Viilor / Wurmloch, Rumänien


Man läuft durch enge Gänge, schaut in die kleinen Räume und steigt natürlich irgendwann auf die Wehrgänge.

Was zunächst nach „schöne Aussicht“ klingt, entwickelt sich allerdings relativ schnell zu:

„Warum bin ich eigentlich hier hochgeklettert?“

Die Treppen sind teilweise eng, steil und ziemlich dunkel. 

Treppen ins nichts, Valea Viilor / Wurmloch, Rumänien


Und mit dunkel meine ich nicht dieses romantische „gedämpfte Licht“, das man aus einem Wellnesshotel kennt.

Ich meine: Hand an die Wand und hoffen, dass da tatsächlich noch eine Treppe kommt.




Man steigt höher und höher und fragt sich irgendwann, ob die Menschen im Mittelalter
eigentlich besonders schwindelfrei waren – oder ob sie einfach keine andere Wahl hatten.

Oben angekommen, lohnt sich das Ganze dann allerdings.

Von den Wehrgängen aus versteht man plötzlich, wie die Anlage funktioniert hat. Mauern, Türme, Schießscharten und Zugänge ergeben ein Gesamtbild. Und man kann sich tatsächlich vorstellen, wie die Menschen hier im Ernstfall Schutz gesucht haben.

Harman / Honigberg – außen Festung, innen Kirche

Auch Honigberg folgt demselben Grundprinzip, wirkt aber wieder ganz anders.

Das ist überhaupt etwas, das uns bei den Kirchenburgen aufgefallen ist: Keine sieht wirklich aus wie die andere.


Harman / Honigberg, Rumänien

Natürlich gibt es Gemeinsamkeiten – Mauern, Türme, Wehrgänge und eine befestigte Kirche. Aber jede Gemeinde hat ihre eigene Lösung gefunden. Je nach Lage, Platz, Bedrohung und dem, was über die Jahrhunderte umgebaut oder erweitert wurde.

Und natürlich kann man auch hier wieder klettern.

Man steigt in Türme, geht über Wehrgänge und kommt durch enge Gänge, bei denen man irgendwann nicht mehr ganz sicher ist, ob man gerade einen Kirchenbesuch macht oder an einem mittelalterlichen Hindernislauf teilnimmt.

Vor allem die Treppen haben es mir angetan.


Harman / Honigberg, Rumänien


Manchmal geht es erstaunlich weit nach oben. Manchmal ist es stockdunkel. Und manchmal ist die Treppe so eng, dass man sich fragt, ob die Menschen damals wirklich genauso gebaut waren – oder ob sie einfach deutlich weniger Platz für ihre Ellbogen brauchten.


Harman / Honigberg, Rumänien
Und dann kommt man wieder in die Kirche.

Genau dieser Gegensatz gefällt mir: Außen Festung, innen Kirche.

Draußen dicke Mauern, Wehrgänge und Verteidigungsanlagen – drinnen Türen, Holzarbeiten, Altar und religiöse Kunst.

Und plötzlich merkt man, dass diese Anlage einmal gleichzeitig Schutzraum, Vorratslager, Gemeinschaftsort und Gotteshaus war.



Biertan – drei Mauerringe und eine ziemlich geniale Tür

Biertan ist dann noch einmal eine ganz andere Hausnummer.

Die Kirchenburg liegt auf einem Hügel und wird von mehreren Mauerringen, Türmen und Bastionen umgeben. Sie gehört zu den sieben Kirchenburgen Siebenbürgens, die zum UNESCO-Welterbe zählen.


Biertan, Rumänien

Auch hier kann man natürlich wieder auf Türme und Wehrgänge steigen.

Inzwischen haben wir allerdings gelernt, bei Treppen vorsichtig zu sein.

Biertan, Rumänien



Wenn irgendwo ein Schild steht, das sinngemäß „Hier geht es nach oben“ bedeutet, heißt das nämlich noch lange nicht, dass der Weg auch bequem wieder nach unten führt.





Mein persönliches Highlight in Biertan war aber gar kein Turm.

Es war eine Tür.

Genauer gesagt die Tür zur Sakristei.

Sie stammt aus dem Jahr 1515 und besitzt einen geradezu unglaublichen Schließmechanismus. Mit einer einzigen Bewegung des Schlüssels werden zahlreiche Verriegelungen gleichzeitig betätigt.

Das ist nicht einfach eine alte Tür mit einem großen Schloss.


Schloss Sakristei Biertan, Rumänien

Das ist ein mittelalterliches mechanisches Meisterstück.

Man steht davor und denkt:

Das soll jetzt wirklich 500 Jahre alt sein?

Offenbar hatten die Menschen damals nicht nur viel Zeit, sondern auch ein ausgesprochenes Bedürfnis, ihre Türen wirklich, wirklich sicher abzuschließen.

Der Mechanismus wurde übrigens sogar auf der Weltausstellung 1889 in Paris ausgezeichnet.

Biertan, Rumänien
Was mir an den Kirchenburgen besonders gefallen hat: Man schaut hier nicht einfach ein altes Gebäude an.

Man läuft mittendrin herum.

Man steigt auf Türme, geht über Wehrgänge, kriecht durch dunkle Gänge, öffnet uralte Türen und entdeckt ständig noch eine Treppe, eine Kammer oder irgendeinen Durchgang, den man natürlich auch noch ausprobieren muss.



Dass man dabei gelegentlich höher landet, als einem lieb ist, gehört offenbar zum Konzept.

Und die mittelalterlichen Baumeister hatten sowieso eine etwas andere Vorstellung von „gut gesichert“ als wir heute.

Ich finde Kirchenburgen jedenfalls ziemlich großartig.

Vor allem, wenn man am Ende wieder heil unten ankommt.

Biertan, Rumänien